Seit über 25 Jahren: Buchhandlung Lesezeichen in Lauterbach

 

 

LAUTERBACH - 'In Lauterbach hab´ ich mein Strumpf verloren'- die alte Volksweise lässt nicht nur für Einheimische eine zauberhafte Melodie erklingen. 'An Lauterbach hab` ich mein Herz verloren', bringt Buchhändlerin Gerlinde Becker kurz und bündig den Barometerstand ihres Herzens auf den Punkt, obgleich ihre Heimat im Gründchen liegt und ihr damaliger Start in die Selbständigkeit alles andere als einfach war.

Nicht einen Tag blieb in den vergangenen 25 Jahren die Eingangstür der 'Buchhandlung Lesezeichen' verschlossen. 'Wenn´s auch trotz Umbau, Inventur oder Krankheitsfälle mitunter zu einer Herausforderung mutierte, irgendwie haben wir es immer geschafft, zu öffnen', blättert die Inhaberin im Taumel der Gefühle mit einer gehörigen Portion Stolz für ihre Mannschaft in der Firmengeschichte ihrer Buchhandlung in der Bahnhofstraße. Zum Vorschein kommt ein unermesslicher Fundus an unvergesslichen Begegnungen mit dem Leben.

 

Nicht umsonst beschreiben Gerlinde Becker und ihre Mitarbeiterinnen Anne Götz, Ilona Jöckel, Christiane Nieburg und Isolde Schmidt das 'Lesezeichen' als 'Haus der Geschichten', in dem die Geschichten nicht nur in Form von Büchern verkauft, sondern ebenso ge- und erlebt werden. 'Die Buchhandlung hat ein echtes Eigenleben. Die Zeit darin bleibt nicht stehen. Ein Besuch bei uns gestaltet sich jedes Mal anders', verrät das Team offenherzig ein bedeutsames Detail im Geschäftsalltag der fest etablierten literarischen Wundertüte am Rande der Innenstadt.

 

Für die Schüler der benachbarten Alexander-von-Humboldt-Schule ist die Buchhandlung des Öfteren ein rettender Anker für benötigte Schullektüren, vergessene Schulhefte oder Stifte. Für Kleinkinder hingegen eine gefüllte Schatzkammer voller Abenteuer, Märchen, Sach- und Lerngeschichten. Und für Erwachsene schlichtweg ein verlässlicher Ort des Vertrauens in der heute breit angelegten 'Gutenberggalaxis'. Kurzum - 'das Lesezeichen' hat eine Signalwirkung in der Strolchenstadt Lauterbach und gehört einfach für viele Menschen dazu wie die Butter zum Brot.

'Kind, geh in den Einzelhandel', riet Beckers Vater einst seiner Tochter, als die Schulzeit zu Neige ging und die Weichen gestellt wurden für die berufliche Zukunft. Das junge Mädchen nahm sich den väterlichen Rat zu Herzen, schrieb an verschiedene Händler im Umland eine Bewerbung und bekam in der früheren Buchhandlung Heinz in Alsfeld einen Lehrvertrag. Wenn auch seither Jahrzehnte vergangen sind, kann sich die passionierte Buchhändlerin noch immer an ihre anfänglichen Worte im Erstgespräch mit ihrem Lehrherrn erinnern. 'Kann ich mich dann auch selbständig machen?', war die Frage aller Fragen mit nachhaltiger Wirkung. Ein kurzes 'Ja, das können Sie', kam zurück, der Ausbildung zur Buchhändlerin stand nichts mehr im Wege. Wenige Jahre nach der Lehrzeit, zog es die junge Frau in die Großstadt und sie lernte in Heidelberg die Herausforderung eines Buchladens einer alteingesessenen Buchhändlerfamilie mit mehr als 50 Mitarbeitern kennen. 'Eine sehr prägende Zeit', sagt Becker..

 

Schließlich erreichte die Buchexpertin ein Angebot aus dem Vogelsberg. Der alte Lauterbacher Buchladen Zbitek sollte in jüngere Hände übergeben werden. 'Geh ich zurück auf das Land und übernehme oder bleibe ich in der Stadt', stellte sich die Vogelsbergerin der Qual der Wahl. Sie entschied sich für Ersteres und übernahm das Ladengeschäft zunächst als Filialleiterin ihres früheren Chefs. Kurze Zeit später bot ihr jener die Buchhandlung zum Kauf an.

'Ich hatte kein Geld, inzwischen eine eigene Familie mit kleinem Kind und keine Aussichten auf `sponsoring by...´. Wie sollte ich das schaffen?', erinnert sich Becker an die Anfänge. 'Mein Vater war in jener Zeit immer mein bester Ratgeber. Er riet mir damals von der Selbständigkeit ab. Eine finanzielle Spritze war von ihm nicht zu erwarten. Er konnte nicht über seine Grenzen springen. Als wenige Monate später die einstige Politikerin Heide Simonis in meiner Buchhandlung Bücher kaufte, war für ihn die Welt in Ordnung und er ermutigte mich fortan in meiner Arbeit', plaudert die Literatur-Expertin aus ihrem Buch mit sieben Siegeln.

Letztlich stand sie ihren 'Mann', wagte den Sprung ins kalte ins Wasser, bewies eine Menge Mut und führte mit harter Arbeit, authentischer Persönlichkeit und den Kopf voller Ideen ihre Buchhandlung in die Zukunft. Die beiden Söhne wurden im Laden groß und selbständig, ihr Ehemann Dieter wurde zum wertvollen 'Fels in der Brandung', zur Stütze in allen Belangen und Lebenslagen. Der Rückhalt ihrer Familie gibt ihr heute noch immer viel Kraft und Energie zum Weitermachen.

'Wir gehören in Lauterbach dazu. Die Leute kommen gerne und wollen bei uns ihre Bücher kaufen', freut sich Becker über die regionale Anerkennung und den deutlich spürbaren Widerstand gegenüber den gefräßigen großen Buchhandelsketten oder Internet-Buchhändlern. Die Türe zum Laden steht immer offen, auch für ein kleines 'Schwätzchen' - um einfach nur 'Hallo' zu sagen oder nach dem Befinden zu fragen. Und auch der Online-Shop hat sich zu einer sicheren Bestellquelle zufriedener Stammkunden im Radius von Deutschland bis Dänemark etabliert.

'Summa summarum aber ist ein Geschäft nur so gut, wie sein Team, welches sich tagtäglich auf Neue mit vollem Engagement um die Wünsche seiner Kunden kümmert', ist der Ladeninhaberin bewusst. Sofort zieht sie für sich die wertvolle Bilanz: 'Ich habe ein richtig tolles Team - jede Einzelne trägt mit ihrer eigenständigen Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten dazu bei, dass es harmonisch passt und die Leute unsere Buchhandlung gerne betreten.'

Das 'Lesezeichen' ist aber nicht nur ein Laden, sondern auch ein Kulturträger der Stadt. Ein guter Kontakt und Ton sowie die Vernetzung mit umliegenden Kulturträgern ist für 'das Lesezeichen' selbstverständlich. Neben der Funktion als zentraler Ticketshop für anstehende Events und Veranstaltungen, gehören selbstveranstaltete Buchpräsentationen, Lesungen und besondere Aktionen ebenso zum Repertoire wie die langjährige, enge Kooperation mit der Ovag-Gruppe, Sparkasse Oberhessen und dem Alsfelder Buchladen zur renommierten Lesereihe 'Der Vulkan lässt lesen'.

Darüber hinaus setzt Gerlinde Becker bereits seit Jahrzehnten mit ihren handlichen Lesezeichen - mit erlesenen Lauterbacher Motiven in unterschiedlich ausdrucksvoller Gestaltungstechnik - außerordentliche Akzente in der Überlieferung der regionalen Kultur. Aus einem einstigen kreativen Entwurf entwickelte sich weltweit eine unbeschreibliche Sammelleidenschaft. Bis heute hat die Buchhandlung etwa 230 000 Stück an Kunden verschenkt. 'Alle Jahre wieder flattern die Anfragen ins Haus nach den neuen Lesezeichen. Und selbst auf Urlaubsflügen in die Türkei wurden die kleinen Lesepausezeichen aus Lauterbach schon im Flieger gesichtet', freut sich die Buchhändlerin über die kleine Anerkennung mit großer Wirkung. Ein Ende scheint übrigens nicht in Sicht - die neuen Lesezeichen - ein Motiv des Ankerturms von Maler Karl Mons - sind bereits fertig und werden zum Jubiläum herausgegeben. Es geht weiter, Gerlinde Beckers Fundus an Ideen scheint unerschöpflich.